Sanskrit

Sanskrit (eigentlich Samskrita, wobei aber das m wie n im franz. an zu sprechen ist, „zurechtgemacht“, d. h. richtig gebildet, oder für heilige Handlungen geeignet, heilig), die alte heilige Sprache Indiens, die jetzt in der Regel, ähnlich wie früher in Europa das Latein, nur noch von den Gelehrten in ganz Ostindien gesprochen und geschrieben wird, wenn auch hier und da gelehrte Radschas bestrebt sind, sie wieder in den täglichen Gebrauch einzuführen. So erzählt der Sanskritist M. Williams in seinem Reisewerk über Indien, daß der Maharadscha von Kaschmir ihm das Schauspiel eines Manövers seiner Soldaten bereitete, wobei alle Kommandos in S. gegeben wurden, und erst neuerdings wurde in dem Staat Udaypur durch eine Verordnung das S. als offizielle Amtssprache eingeführt.

Volkssprache war jedoch das S. nur in dem ältesten Zeitraum der indischen Geschichte, als die indischen Arier, ein Zweig des großen indogermanischen Völkerstammes, kurz nach ihrer von Nordwesten her erfolgten Einwanderung in Indien die religiösen Werke abfaßten, die später unter dem Namen der Wedas gesammelt wurden und als heilige Offenbarungen galten. Sie sind nebst der dazu gehörigen theologischen Litteratur fast durchaus in Nordindien entstanden, und ihre ältesten Bestandteile gehören der Zeit an, als die S. redenden Stämme noch nicht über das Gebiet des Pandschab hinaus vorgedrungen waren, etwa 2000-1500 v. Chr. Mit der Kultur und religiösen Litteratur der arischen Inder verbreitete sich aber das S. nicht nur schon früh über ganz Indien, sondern es wurde auch durch den Buddhismus einerseits nach Tibet, China und bis nach Japan verpflanzt, wo kürzlich durch die Bemühungen Max Müllers Sanskrithandschriften entdeckt worden sind, anderseits gelangte es nebst dem Pâli nach Hinterindien.

Das S. der Wedas büßte im Lauf der Zeit manche seiner besonders im Verbum höchst zahlreichen Beugungen ein oder schliff sie ab, und durch diese Vereinfachung der Grammatik und entsprechende Änderungen des Wortschatzes entstand schließlich aus dem wedischen das sogen. klassische S., zu dem übrigens schon in den spätern wedischen Werken manche Übergänge vorliegen. Das klassische S. erfuhr dagegen, außer in Bezug auf den Stil, der einer stets wachsenden Künstelei verfiel, die Satzbildung durch unförmliche Komposita verdrängte und die noch übrigen alten Verbalformen außer Gebrauch setzte, keine Veränderungen mehr und hält noch heutzutage genau an den Normen fest, die der berühmte indische Grammatiker ((Panini)) (s. d.) mehrere Jahrhunderte vor Christo dafür aufstellte. Dagegen entwickelten sich aus dem wedischen S. zunächst das buddhistische Pâli und das ((Prakrit)) (s. d.), dessen älteste bekannte Überreste dem 3. Jahrh. v. Chr. angehören, weiterhin die modernen indischen Volkssprachen (s. Indische Sprachen).

Das S. ist eine sehr wohllautende, vokalreiche Sprache; neuere Berechnungen haben ergeben, daß das a, der klangvollste aller Vokale, der Häufigkeit seines Vorkommens nach ungefähr 28 Proz. aller überhaupt vorkommenden Laute ausmacht. Das Hauptinteresse des S. liegt aber, abgesehen von dem Reichtum seiner Litteratur, für die europäische Wissenschaft in seiner ungemeinen Wichtigkeit für die älteste Geschichte der indogermanischen Sprachen, unter denen es an Altertümlichkeit, an Fülle der grammatischen Formen und an etymologischer Durchsichtigkeit der Wortbildungen obenan steht. So können, während nach Curtius das Griechische von einem Verbum 507, das Lateinische 143, das Gotische nur 38 Formen bilden kann, im wedischen S. von einem gebräuchlichen Verbum allein im Präsens, und zwar mit Ausschluß der Partizipien und Infinitive, 336 Formen gebildet werden, und die ganze Anzahl der möglichen Formen geht weit in die Tausende hinein.

In ähnlicher Weise haben das Substantivum, Adjektivum und Pronomen je acht Kasus und neben der Einzahl und Mehrzahl auch eine Zweizahl (Dualis), während das Latein sechs Kasus, aber keinen Dualis, das Griechische einen Dualis, aber nur fünf Kasus hat. Vom Standpunkt der einzelnen Sprache aus betrachtet, ist der Ursprung der meisten Wortstämme in den europäischen Sprachen dunkel; die Vergleichung des S. hat z. B. gezeigt, daß Vater (pater) ursprünglich „Beschützer“, Bruder (frater) „Erhalter“ heißt u. dgl. Die aus einem semitischen Alphabet entsprungene, aber sehr eigentümlich entwickelte Schrift, mit der das S. gewöhnlich auch in Europa immer geschrieben und gedruckt wird, heißt Devanâgarî (s. d.); vgl. die Schrifttafel bei Artikel „Schrift“.

Die sehr zahlreichen europäischen Grammatiken des S. lassen sich in zwei Klassen einteilen, je nachdem sie sich genau an das System und die Regeln der indischen Grammatiker anschließen oder eine mehr den europäischen Anschauungen entsprechende Methode zur Anwendung bringen. Zu der ersten Klasse gehören namentlich die Grammatiken von Colebrooke (Kalk. 1805), Benfey („Vollständige Grammatik der Sanskritsprache“, Leipz. 1852; in kürzerer Fassung, das. 1855), Max Müller (deutsch von Kielhorn und Oppert, Kiel 1868), Kielhorn (deutsch, Berl. 1888); zu der letztern unter andern die Grammatik von Bopp (4. Aufl., das. 1868), Kellners „Kurze Elementargrammatik“ (2. Aufl., Leipz. 1877) und „Praktisches Elementarbuch“ (das. 1887), das ausführliche, vortreffliche Werk von Whitney (deutsch von Zimmer, das. 1879), Bühlers „Leitfaden für den Elementarkursus des S.“ (Wien 1882) und Geigers „Elementarbuch der Sanskritsprache“ (Münch. 1888). Sehr beliebt zur ersten Einführung ins S. ist auch das eine Chrestomathie mit Glossar enthaltende „Elementarbuch der Sanskritsprache“ von Stenzler (5. Aufl., Bresl. 1885). Ein meisterhaftes ausführliches Wörterbuch lieferten Böhtlingk u. Roth (Petersb. 1853-1875, 7 Bde.), ein kürzeres haben Böhtlingk (Petersb. 1879 ff.) und Cappeller (Straßb. 1886 ff.) begonnen. Anthologien lieferten namentlich Lassen (3. Aufl., Bonn 1868) und Böhtlingk (2. Aufl., Petersb. 1877).

Die Sanskritlitteratur.

Auch die Sanskritlitteratur zerfällt in zwei der Zeit und dem Wesen nach voneinander verschiedene Epochen: die Periode des ((Weda)) und die des klassischen S. Genaue chronologische Daten für die Abgrenzung der beiden Perioden lassen sich bei der großen Unsicherheit der indischen Chronologie überhaupt nicht geben; dazu kommt, daß wir von der zweiten Periode aus allen Litteraturzweigen nur die Werke übrig haben, die den Höhepunkt der ganzen Gattung bezeichnen, so daß wir in die Entwickelung derselben gar keinen Blick thun können. In der ersten Periode werden alle Gegenstände nur in ihrer Beziehung auf rituelle Vorgänge behandelt; erst in der zweiten treten wissenschaftliche und künstlerische Gesichtspunkte hervor.

Über die erste Periode s. ((Weda)). Der Anfang der zweiten Periode wird ins 5. oder 6. Jahrh. v. Chr. gesetzt werden müssen, als die Volksdialekte sich immer selbständiger zu entwickeln begannen und die Sprache, in welcher die Brâhmana und Sûtra der wedischen Periode abgefaßt waren, die sogen. Bhâschâ, immer mehr ausschließliches Eigentum der Gebildeten und schließlich eine nur zu litterarischen Zwecken verwendete tote Sprache wurde, welche noch heute in Indien zu schriftlicher Darstellung gebraucht wird. Besonders charakteristisch für die Sanskritlitteratur ist der Mangel einer prosaischen Darstellung, indem sämtliche wissenschaftliche Werke in metrischer Form abgefaßt sind; so sind die Anfänge der Prosa, wie sie in den Brâhmana der ersten Periode vorliegen, gänzlich verkümmert, und es gibt kaum etwas Schwerfälligeres als die Prosa der spätern indischen Romane, Kommentare und Inschriften. Die gebräuchlichste metrische Form ist der epische Vers (Sloka), eine Doppelzeile, aus je 16 Silben bestehend, die nur in ihren beiden letzten Füßen sicher iambischen Rhythmus hervortreten läßt.

Die epische Poesie zerfällt in zwei Gruppen, die Itihâsa-Purâna und die Kâwya. Zur ersten Gruppe, legendarisch-epischen Sammelwerken, die in ihrem Grundstock in die wedische Periode hinaufreichen, gehören das „Mahâbhârata“ (s. d.) und die „Purâna“ (s. d.), mythische Erzählungen kosmogonischen und theogonischen Inhalts, in der uns vorliegenden Gestalt den letzten 1000 Jahren angehörig und vielfach durchsetzt mit theologischen und philosophischen Belehrungen, rituellen und asketischen Vorschriften und Legenden zur Empfehlung einer besondern Gottheit und gewisser Heiligtümer.

Wir kennen ihrer 18, von denen erst einige ediert sind. In den „Upapurâna“ tritt der epische Charakter ganz zurück und der rituelle in den Vordergrund. Unter den Kâwya, d. h. Dichtungen, die bestimmten Dichtern (Kawi) zugeschrieben werden, nimmt den ersten Platz ein das „Râmâyana“ (s. d.) des Wâlmîki. Von den spätern sind am originellsten die beiden dem Kâlidâsa (s. d.) zugeschriebenen Gedichte: „Raghuwança“ und „Kumârasambhawa“; die übrigen, wie das „Bhattikâwya“ (aus dem 6. oder 7. Jahrh. n. Chr.), das „Mâghakâwya“, der „Nalodaya“, lehnen sich im Inhalt an das „Mahâbhârata“ und „Râmâyana“ an und verfallen in der Form immer mehr einem armseligen Spiel mit Wort und Vers.

Das Drama (Nâtaka, von Nâta, „Tänzer“) scheint in Indien, wie bei andern Völkern, aus religiösen Festlichkeiten und Aufzügen mit Gesang und Tanz hervorgegangen zu sein; die Entwickelung zu der Vollkommenheit, in der es uns entgegentritt, hat man (besonders Windisch in den „Verhandlungen des fünften Orientalistenkongresses“ 1881) wohl mit Unrecht dem Einfluß griechischer Dramen, wie sie an den Höfen der griechischen Könige in Baktrien, im Pandschab und in Gudscharat ausgeführt wurden, zugeschrieben. Die Gegenstände sind der Mythologie, Geschichte, dem bürgerlichen Leben entnommen; die einheimische Theorie hat zwei Hauptklassen (Rûpaka und Uparûpaka) mit zahlreichen Unterabteilungen aufgestellt. Hauptmotiv ist meistens die Liebe; ein tragischer Ausgang kommt nie vor.

Die Form wechselt zwischen Prosa und Versen; Götter, Könige, Brahmanen und andre hochgestellte Persönlichkeiten reden S., Frauen und niedrigere Personen in verschiedenen ((Prakrit))dialekten. Die Zahl der Akte ist nicht über zehn. Den Höhepunkt der indischen Dramatik bezeichnen die dem König Çûdraka zugeschriebene „Mritschhakatikâ“ und die zwei Stücke des Kâlidâsa: „Sakuntala“ und „Vikramorvasi“, die aber sicher nicht dem 1. Jahrh. v. Chr. angehören, wie man vielfach angenommen hat, sondern mehrere Jahrhunderte nach Christo zu setzen sind. Die „Mritschhakatikâ“ („Das Thonwägelchen“) ist wegen der farbenreichen Schilderung des indischen Volkslebens aus den verschiedensten Kreisen, von dessen Hintergrund sich das Liebesverhältnis des Brahmanen Tschârudatta und der Hetäre Wasantasena abhebt, das interessanteste indische Drama und reich an großen poetischen Schönheiten (hrsg. von Stenzler, Bonn 1847; neuerdings Kalk. 1876; übersetzt von Böhtlingk, Petersb. 1877, metrisch von L. Fritze, Chemn. 1879).

Über die beiden andern Stücke s. Kâlidâsa. Als der dritte bedeutende Dramatiker ist zu nennen Bhawabhûti, der ins 8. Jahrh. gesetzt wird, mit den drei Stücken: „Mâlatîmâdhawa“, „Mahâwîratscharita“ u. „Uttararâmatscharita“. Das erste dieser drei Stücke, die wegen ihrer gelehrten und überladenen Ausdrucksweise dem Verständnis große Schwierigkeiten bieten, behandelt eine frei erfundene Liebesgeschichte, die beiden andern epische Stoffe (das erste deutsch von Fritze, Leipz. 1884; das zweite englisch von Pickford, Lond. 1871; das letzte französisch von Nève, Par. 1880). Erwähnenswert ist noch das allegorisch-philosophische Schauspiel „Prabodhatschandrodaya“ („Aufgang des Mondes der Erkenntnis“) von Krischnamiçra, in welchem Begriffe und Systeme als handelnde Personen auftreten (hrsg. von H. Brockhaus, Leipz. 1835 u. 1845; deutsch von Goldstücker, Königsb. 1842, von Hirzel, Zürich 1846), und das Intrigenstück „Ratnâvalî“ („Die Perlenschnur“), wahrscheinlich von einem Dichter Bana oder Vana (hrsg. von Cappeller in Böhtlingks S.-Chrestomathie; 2. Aufl., deutsch von L. Fritze, Chemn. 1878).

Vgl. im allgemeinen Wilson, Select specimens of the theatre of the Hindoos (3. Aufl. 1871), danach O. L. B. Wolff, Theater der Hindu (Weim. 1828-31, 2 Bde.) u. die ausführlichen Analysen bei Klein („Geschichte des Dramas“, Bd. 3, S. 1-373). – Die indische Lyrik ist fast durchweg erotischen Inhalts und reich an Stellen von innigstem und zartestem Gefühl, anderseits freilich oft bis zum Ausdruck üppigster, ja lasciver Sinnlichkeit gesteigert. Den Namen des Kâlidâsa tragen: der „Meghadûta“ („Wolkenbote“), eine Botschaft, die ein Verbannter seinem fernen Liebchen durch eine Wolke zuschickt, und die Beschreibung des Wegs, den die Wolke zu nehmen hat; das „Ghatakarpara“ („Der zerbrochene Krug“, hrsg. und übersetzt von Dursch, Berl. 1828, von Brockhaus, Leipz. 1841, von Häberlein in Kâwya-Sangraha, Kalk. 1847) und der lyrische Cyklus „Ritusanhâra“ („Versammlung der Jahreszeiten“, hrsg. und übersetzt von Bohlen, Leipz. 1840). Nur einzelne Situationen ohne innern Zusammenhang schildern die Epigramme des Bhartrihari (s. d.) und des Amaru (hrsg. von Chézy, Par. 1831; im Auszug übersetzt von Rückert im „Musenalmanach für 1831“).

Die ausschweifendste Üppigkeit der Phantasie zeigt der „Gîtagowinda“ des Dschayadewa (hrsg. von Lassen, Bonn 1836; übersetzt von Rückert in den „Abhandlungen für Kunde des Morgenlands“, Bd. 1, S. 129 ff.), dem Hohenlied nicht unvergleichbar und wie dieses zu einer mystisch-theologischen Allegorie umgedeutet, das Liebesidyll des Gottes Krischna mit der Hirtin Râdhâ behandelnd. Eine umfassende Sammlung der indischen Spruchpoesie gibt Böhtlingk in den „Indischen Sprüchen“ (2. Aufl., Petersb. 1870-1873, mit 7613 Strophen). Hohe Bedeutung hat in der indischen Litteratur die Tierfabel wegen ihres engen Zusammenhangs mit dem Abendland; freilich ist die Frage noch nicht endgültig entschieden, ob die indische Fabel aus der griechischen oder diese aus jener abzuleiten ist (vgl. A. Weber, Indische Studien, Bd. 3; O. Keller, Untersuchungen über die Geschichte der griechischen Fabel, Leipz. 1862).

Das älteste vorhandene Fabelwerk ist das „Pantschatantra“ (s. d.), schon im 6. Jahrh. ins Pehlewi, später in alle westlichen Litteraturen übersetzt; sehr bekannt und als Schulbuch noch heute in Indien viel verbreitet der „Hitopadeça“ („Freundliche Unterweisung“, hrsg. von Schlegel u. Lassen, Bonn 1829-31; übersetzt von M. Müller, Leipz. 1844; von Schönberg, Wien 1884). Charakteristisch für die indischen Fabelsammlungen ist die Form, indem ein Hauptereignis den Rahmen der verschiedenen Erzählungen bildet. Diese Form teilen die indischen Märchen und Romane, die Quelle der meisten arabischen, persischen und abendländischen Erzählungen, am umfassendsten gesammelt in Somadewas „Kathâsaritsâgara“ („Ozean der Ströme der Erzählungen“, hrsg. von H. Brockhaus, Leipz. 1839-66, 3 Bde.; Buch 1-5, übersetzt von Brockhaus, das. 1843, 2 Bde.). Außerdem sind in Indien noch drei Sammlungen unter den Titeln: „Wetâlapantschavinçati“ (hrsg. von Uhle, Leipz. 1881), „Sinhàsanadwâtrinçati“ und „Çukasaptati“ sehr verbreitet.

In der wissenschaftlichen Litteratur der Inder nimmt den bedeutendsten Platz die Grammatik ein. Sie ist herangewachsen zunächst an dem Studium der wedischen Texte, und die Prâtiçâkhja zu den verschiedenen Wedas sowie Jâskas „Nirukti“ sind wertvolle Überreste dieser ältern Periode (s. Weda). Dagegen kennen wir nicht die Vorläufer von dem großen Werk des ((Panini)), das bei seinem Bekanntwerden die gerechtfertigtste Bewunderung im Abendland hervorrief und sehr viel zu dem Umschwung der grammatischen Forschung im letzten Jahrhundert beigetragen hat. Es ist ausgezeichnet durch eine überaus gründliche Erforschung der Wurzeln und der Wortbildung wie durch die schärfste Präzision des Ausdrucks und die Durchführung einer bis ins einzelnste gehenden Terminologie. Gelebt hat ((Panini)) wohl im 4. Jahrh. v. Chr.; Goldstücker (in seinem trefflichen Werk „((Panini)). His place in Sanskrit literature“, Berl. 1861) setzt ihn in die Zeit vor Buddha, ohne indessen damit Beistimmung gefunden zu haben (Ausg. von Böhtlingk, Bonn 1839-40, 2 Bde., und mit Übersetzung, Leipz. 1887). Seiner vielfachen Dunkelheit wegen ist das Werk früh kommentiert worden; erhalten sind uns die „Paribhâschâ“, Erläuterungen einzelner Regeln von unbekannten Verfassern (die wichtigsten sind gesammelt von Nâgojî, hrsg. von Kielhorn, Bombay 1868-74, 2 Bde.), die „Wârttika“ des Kâtyâyana und das „Mahâbhâschya“ des Patandschali (in photo-lithographischer Nachbildung hrsg. von Goldstücker, Lond. 1874, 3 Bde.; kritische Ausg. von Kielhorn, Bomb. 1878-1885, 3 Bde.).

An das System des ((Panini)) schließen sich an der Kommentar des Udschwaladatta zu den „Unâdisûtra“ (hrsg. von Aufrecht, Bonn 1859), die „Laghukaumudî“ von Waradarâdscha (hrsg. von Ballantyne, Mirzapur 1849) u. a. Außerdem haben sich später andre grammatische Systeme mit eigner Terminologie entwickelt, so in Wopadewas „Mugdhabodha“ (hrsg. von Böhtlingk, Petersb. 1847), in dem „Sâraswata“ von Anubhûtiswarûpâtschârja (hrsg. Bomb. 1861), dem „Kâtantra“ von Sarwawarman (hrsg. von Eggeling, Kalk. 1874). Vgl. Burnell, On the Aindra school of Sanskrit grammarians (Lond. 1875). Die Grammatik der Prâkritdialekte behandelten Wararutschi (hrsg. von Cowell, 2. Aufl., Hertford 1868) und Hematschandra (hrsg. von Pischel, Halle 1876). Das lexikalische Werk des Amarasimha, aus unbestimmter Zeit, ist herausgegeben von Colebrooke (Serampur 1808, 2. Ausg. 1825) und Deslongchamps (Par. 1839-45).

Lehrbücher der Poetik und Rhetorik, mit feinen, oft sehr spitzfindigen Distinktionen, sind uns mehrfach erhalten, so das „Kâwyâdarça“ des Dandin aus dem 6. Jahrh. (hrsg. Kalk. 1863) und das „Daçarûpa“ des Dhamandschaja aus dem 10. Jahrh. (hrsg. das. 1865). Die historischen Schriften sind alle so sehr mit Dichtung untermischt, daß sie kaum als wissenschaftliche Werke gelten können. Dies gilt besonders von dem Hauptwerk der Gattung, der „Râdschataranginî“ des Kalhana, einer Geschichte von Kaschmir (hrsg. Kalk. 1835); ins Französische übersetzt von Troyer, Par. 1840-52, 3 Bde.). Zuverlässiger scheinen die Familienchroniken einzelner Fürstengeschlechter zu sein; eine derselben, das „Wikramânkatscharitam“, die Geschichte dreier dekhanischer Fürsten des 11. Jahrh. behandelnd, ist von Bühler (Bomb. 1875) herausgegeben worden. Schriften über Geographie sind bis jetzt nur dem Namen nach bekannt. Über die Philosophie s. den Artikel Indische Religion und Philosophie.

Die Astronomie und ihre Hilfswissenschaften wurden bereits in der wedischen Periode gepflegt, erhoben sich aber erst unter griechischem Einfluß auf eine bedeutendere Stufe. Die indischen Astronomen geben selbst die Jawana („Griechen“) als ihre Lehrer an, und die große Menge astronomischer, aus dem Griechischen entlehnter Ausdrücke setzt die Thatsache außer Zweifel. Durch die Araber, die im 8. und 9. Jahrh. die Schüler der Inder in der Astronomie wurden, haben die letztern dann ihrerseits bedeutenden Einfluß auf das Abendland geübt. Als ältester Astronom gilt Âryabhata (hrsg. von Kern, Leiden 1874); jünger sind das „Brahmasiddhânta“, „Sûryasiddhânta“, „Pauliçasiddhanta“, „Romakasiddhánta“ und „Wasischtasiddhânta“, die uns nur in ganz späten Überarbeitungen vorliegen; ferner die „Brihatsamhitâ“ (hrsg. von Kern, Kalk. 1865) und das „Horâçâstra“ des Warâhamihira (gest. 587) und die Schriften des Brahmagupta (7. Jahrh.).

Der letzte bedeutende Astronom und Mathematiker der Inder ist Bhâskara aus dem 12. Jahrh.; seine „Lîlawatî“ (Arithmetik) und „Widschaganita“ (Algebra) hat Colebrooke 1817 übersetzt (Kalk. 1832 u. 1834). Vgl. H. Brockhaus, Über die Algebra des Bhâskara (Leipz. 1852). Nach ihm ging die Astronomie ganz in der Astrologie auf, und die Inder wurden wieder ihrerseits Schüler der Araber. Sehr groß ist die Zahl der medizinischen Werke, teils systematisch die ganze Wissenschaft zusammenfassender Schriften, teils Einzeluntersuchungen. In besonderer Blüte stand die Chirurgie: die Erfindung der Rhinoplastik ist bei den Indern gemacht worden; auch der apothekarische Teil ist mit großer Vorliebe behandelt worden. Hauptwerke sind der „Suçruta“, jedenfalls aus nachchristlicher Zeit (Kalk. 1873, ins Englische übersetzt von Kunte, Bomb. 1876 ff., ins Lateinische höchst fehlerhaft von Heßler, Erlang. 1844 ff.), und das Werk des Tscharaka (Ausg. begonnen, das. 1868 und Bomb. 1876), beide im 8. Jahrh. ins Arabische übersetzt. Vgl. Wise, Commentary on the Hindu system of medicine (Kalk. 1845; 2. Aufl., Lond. 1860); Wilson, Works, Bd. 3 (1864); Haas, Über die Ursprünge der indischen Medizin (in der Zeitschrift der Morgenländischen Gesellschaft, Bd. 30).

Die Litteratur über Recht, Sitte und Kultus, zusammengefaßt unter dem Namen Dharma, beginnt in dieser Periode mit dem „Dharmaçâstra“, das den Namen des Manu trägt. Die schriftliche Aufzeichnung der rechtlichen Grundsätze scheint zuerst durch das Bestreben hervorgerufen worden zu sein, die brahmanische Staatsordnung gegenüber dem Buddhismus zu schützen; die uns vorliegende Rezension von dem Gesetzbuch des Manu scheint aber jünger zu sein als die spätesten Teile des „Mahâbhârata“ und kaum über die christliche Ära zurückzureichen (hrsg. von Haughton mit engl. Übersetzung, Lond. 1825, 2 Bde., von Deslongchamps mit franz. Übersetzung, Par. 1830-33, 2 Bde.; engl. von Burnell, Lond. 1884). Vgl. Johäntgen, Über das Gesetzbuch des Manu (Berl. 1863). Die übrigen 56 Dharmaçâstra sind fast alle noch unediert. Später als das Gesetzbuch des Manu ist das des Yâdschnawalkya (hrsg. von Stenzler, Berl. 1849), zwischen dem 2. und 6. Jahrh. n. Chr., entstanden. In den letzten Jahrhunderten hat sich, besonders im Dekhan, eine moderne Jurisprudenz herausgebildet, welche die verschiedenen Ansichten der Dharmaçâstra miteinander vergleicht, und aus der große Sammelwerke hervorgegangen sind. Von einer ähnlichen Veranstaltung der Engländer, dem „Digest of Hindu law“ (begonnen von Colebrooke 1798), datiert der Anfang der Sanskritstudien. Vgl. Bühler und West, Digest of Hindu law (1867 ff.); Stenzler, Zur Litteratur der indischen Gesetzbücher (in Webers „Indischen Studien“, Bd. 1, S. 232-246).

Vgl. Lassen, Indische Altertumskunde (2. Aufl., Leipz. 1867 ff., 4 Bde.); Benfey, Indien (in Ersch u. Grubers „Encyklopädie“, Bd. 2, S. 17); Weber, Vorlesungen über indische Litteraturgeschichte (2. Aufl., Berl. 1876); Haas, Catalogue of the Sanskrit books in the British Museum (Lond. 1876); L. v. Schröder, Indiens Litteratur und Kultur (Leipz. 1887).